Die verlorene Ehre der Katharina Blum

29. April - 26. Mai 2017

nach einer Erzählung von Heinrich Böll
Bühnenfassung von Alexander Kratzer

Es ist Faschingszeit. Auf der Party ihrer Tante macht Katharina Blum eine Zufallsbekanntschaft. Die junge Hauswirtschafterin verliebt sich in den mutmasslichen Terroristen Ludwig Götten. Nach der ausgelassenen Feier verbringen die beiden eine gemeinsame Nacht in Katharinas Wohnung. Als am nächsten Morgen ein Sondereinsatzkommando der Polizei ihre Wohnung stürmt, ist Götten bereits verschwunden. Durch diese kurze Liebesaffäre gerät Katharina Blum ins Visier der Terrorismusfahndung. Sie wird von Polizei und Staatsanwaltschaft in die Mangel genommen. Blum wird verdächtigt, ihrem Liebhaber bei der Flucht geholfen zu haben und den Aufenthaltsort Göttens zu kennen.
Schnell wird sie das Opfer einer Schmutzkampagne der Boulevardpresse. Ihr gesamtes Privatleben wird vom Journalisten Werner Tötges durchleuchtet und öffentlich gemacht. Seine Sensationsgier kennt keine Grenze. Als die Lage unerträglich wird, setzt sich Katharina Blum zur Wehr.

Die 1974 erschienene Erzählung des Nobelpreisträgers Heinrich Böll ist heute hochaktuell. Schon damals sorgte Bölls Kritik an der Meinungsmanipulation der Boulevardpresse für Aufsehen. Auch Volker Schlöndorffs Verfilmung von 1975 fand grosse Beachtung.

100 Jahre Heinrich Böll. Am 21.Dezember wäre der grosse Schriftsteller 100 Jahre alt geworden.
Alles rund um das Jubiläumsjahr finden Sie hier:
http://www.boell100.com/

Inszenierung:

Alexander Kratzer

Besetzung:

Katharina Blum  Nolundi Tschudi

Kommissar Beizmenne, Sträubleder  Gilles Tschudi

Pletzer, Trude Blorna, Else Woltersheim Ragna Guderian

Staatsanwalt Hach, Dr. Blorna, Ludwig Götten, Tötges  Benjamin Morik

Möding, Reporter, Dr. Heinen  Markus Tavakoli

 

Echos

Der Bund, Charles Linsmayer, 1.Mai 2017
Die Zärtlichkeit trägt den Sieg davon

Die von ihm (Anm.: Alexander Kratzer) erstellte Fassung, die sich mit einer Besetzung von fünf Personen umsetzen lässt, ist ganz auf die Figur der Katharina Blum fokussiert, die bei allen polizeilichen Verdächtigungen und Fehldeutungen an eine reine und ehrliche Liebe glaubt und die ihr Recht auf Unversehrtheit gegen alle Zwänge der Umwelt zu verteidigen entschlossen ist.

Diesem Ludwig Götten, den sie erst 24 Stunden kennt und den Polizei und Presse zum verruchten Verbrecher stempeln, hält sie vom Moment der erwähnten Tanzveranstaltung an durch alle Verhöre und alle Verleumdungen der Presse hindurch unbeirrt die Treue.

Nolundi Tschudi, der die Rolle anvertraut ist, gelingt das gerade deshalb überzeugend, weil sie die Figur der Katharina Blum absolut ohne Sentimentalität oder Larmoyanz, ganz zurückhaltend und bei allem erkennbaren Leiden mit einer unpathetischen Gefasstheit in den Raum stellt.

Dabei argumentiert sie letztlich auf einer ganz andern Ebene als der zynisch-draufgängerische Kommissar Beizmenne, den der grossartige Gilles Tschudi zu einer ebenso widerwärtigen wie faszinierenden Gestalt macht. Ihm fällt nur noch ein stotterndes «Frau Blum . . .» ein, als Katharina naiv fragt, ob der Staat denn nichts tun könne, um ihre verlorene Ehre wiederherzustellen.

Berner Zeitung, Helen Lagger, 2. Mai 2017
​Von Spitzeln und Spiessern

In Zeiten, in denen Journalisten von Rechtspopulisten öffentlich beschimpft werden, wirkt Bölls Anklage anachronistisch. Der Journalist mag heute kein Held sein, aber als Bösewicht hat er ausgedient. Nolundi Tschudi (nicht mit Gilles Tschudi verwandt) spielt als Katharina Blum erstmals in Bern. Solid gibt sie das einfache Mädchen, das um seine Ehre kämpft.

seniorweb, Fritz Vollenweider, 3.05.2017
​Shitstorm zu Bölls Zeiten

Dieses «Fertigmachen» in den Medien spielt bei der heutigen Umsetzung des Stoffs von Heinrich Böll eine bedeutende Rolle. In einer Zeit von Menschen, die von solchen Shitstorm-Aktionen gesellschaftlich fertiggemacht,ja sogar in den Selbstmord getrieben wurden, wirken die Geschichten um Katharina Blum wie eine allegorische Verallgemeinerung und Verfremdung des an sich gewissenlosen und furchtbaren Geschehens, von welchem man immer wieder Neues erfährt.

Geht man von diesen Überlegungen aus, so hätte Alexander Kratzer mit seiner neuen Bühnenfassung des bereits öfter verfilmten und im Theater gespielten Stücks die Situation nicht besser schildern können. Seine Inszenierung kommt nahe an ein Lehrstück heran, an eine symbolisch in Bild und Handlung gesetzte Dokumentation von Vorgängen um die Demontage eines Menschen, der zum Sündenbock für ein Geschehen gemacht wird, mit dem er recht wenig zu schaffen hat.

Nolundi Tschudi, verkörpert die bedrängte Katharina Blum. In ihrer ersten Rolle in Bern zeigt sie ein vielschichtig differenziertes Bild der Hauptfigur. Ihre zunehmende Fassungslosigkeit geht spürbar unter die Haut. Keine unter der Gewalt der öffentlichen Meinung zerdrückte, heftig aufschreiende Frau steht da, sondern eine, die beinahe nicht zu begreifen scheint, was ihr geschieht.

Die verlorene Ehre der Katharina BlumDie verlorene Ehre der Katharina BlumDie verlorene Ehre der Katharina BlumDie verlorene Ehre der Katharina BlumDie verlorene Ehre der Katharina Blum